Wertegefasel Die «europäischen Werte» - Worthülsen // Der Einfluß der europäischen EU-Wähler - Ein Video aus DIE ANSTALT // Zur Erinnerung - Das Märchen vom sicheren Afghanistan - MONITOR mit Video



Wertegefasel
Die «europäischen Werte» sind nichts als Worthülsen
 Wenn demnächst wieder ein «Unwort» des Jahres gekürt werden soll: hier ein bescheidener Vorschlag.
Um welche Werte geht es eigentlich? 
Ein Artikel von Jürgen Wertheimer
 
Humankapital, Kollateralschaden, Herdprämie, Wohlstandsmüll – alles kalter Kaffee. Der neue Star der Szene auf der Deponie des Sprachmülls müsste eigentlich «europäische Werte» heissen.
Nein, natürlich wird die Sprachjury keine Sekunde ernsthaft daran denken, das Begriffsdouble der europäischen Werte zum Unwort des Jahres zu küren. Dabei hätte der Begriff wahrhaft das Zeug, um an oberster Stelle der sprachlichen Unterwelt zu rangieren:
Mutter der Leerformeln, schön bedeutungsfrei und rücksichtslos inflationär gebraucht. 
Der Begriff ist aus den Ufern seines semantischen Betts getreten, hat alle Dämme der Vernunft unterspült und treibt seitdem frei flottierend in der Gegend herum. 

Das Label der europäischen Werte ist nicht nur an die Stelle der Werte selbst getreten – es ersetzt zugleich auch deren konkrete Benennung, ja überhaupt jeden Hauch von Präzision und Konkretheit. Europa kommt sich selbst abhanden und versucht krampfhaft, Kante zu zeigen. 

Das Gespenst «europäischer» bzw. «christlich-abendländischer Werte» geistert unstet zwischen den Hochglanzruinen Strassburgs und Brüssels herum. 

Warnende Stimmen von Autoren, einst etwa Heiner Müller, heute Peter Sloterdijk oder Theresia Walser, die Europa als «leeren Raum», «Loch im Kontinent» oder Kontinent der «verschwundenen Zukunft» bezeichnen, werden von wohlmeinenden Meinungsmachern als Kassandrarufe abgetan.

Machen Sie die Probe aufs Exempel, und hören Sie einem Politiker gleich welcher parteilichen Provenienz zu: In neun von zehn Fällen wird er im Tonfall bemühter Gediegenheit von der existenziellen Wichtigkeit reden, jetzt, gerade jetzt für die europäischen Werte einzustehen. 

Sie warten möglicherweise einen winzigen Augenblick darauf, nun auch noch zu erfahren, woran der oder die Sprechende dabei konkret denkt. Oder nein, Sie warten nicht, denn Sie wissen längst – es kommt nichts. Allenfalls nuschelt jemand noch etwas von freier Meinungsäusserung, Rechtsstaat oder Bürgergesellschaft. Er tut dies fast schon im Abdrehen, als wäre es eine lästige Fussnote, ein unnötiger Appendix. Alles ist tausendmal wiederholt, redundant bis auf die Knochen. Wie sagte Jean-Claude Juncker eben noch mit belegter Stimme beim europäischen Staatsakt für Altbundeskanzler Helmut Kohl so schön: «Europe at its best.»

In ein paar Jahrzehnten wird man über diesen letzten, spürbar angestrengten Versuch zur Neugeburt Europas aus dem Geist des Aufbäumens gegen die Tyrannei Trumps womöglich nachsichtig lächeln. Fakt ist: Wir wissen selbst nicht mehr, was wir meinen, wenn wir von Werten reden. 

Der Kontinent hat solche Werte längst diskreditiert. Es genügt der Blick zurück in die jüngere Geschichte. Denken wir nur an Srebrenica. Oder an die anhaltende, also verstetigte Flüchtlingskrise der vergangenen Jahre, wo keine auch nur halbwegs gemeinsame europäische Haltung festzustellen ist, was die Kernfragen betrifft. 

Wenn jemand Haltung und Einsatz für den Roman der europäischen Werte gezeigt hat, dann waren es – wenn schon – die Demonstranten auf dem Maidan, dem Tahrir, dem Taksim-Platz an den Rändern Europas. Europa nahm daran allenfalls gerührt, sozusagen mit belegter Stimme, Anteil.

Europäische Werte in Europa? 

Nüchtern betrachtet, bleibt nicht sehr viel mehr als der verachtete Euro, bürokratischer Standardisierungswahn und nationalistische Selbstbehauptung übrig. Von wegen Egalité, Fraternité, Liberté. 

Selbst der hoffnungsgesteuerte französische Präsident Macron musste die Akzentuierung dieser Begriffe im Wahlkampf erst mit seiner Frau wieder einüben, um sie wirkungsvoll nachsprechen zu können. Performance gut, Inhalt zweifelhaft, Wahlerfolg überwältigend. Reaktion aller Nichtwähler: Kopfschütteln.

Nein, Werte haben wir wirklich keine mehr anzubieten, dafür eine gut funktionierende Rhetorik der Wertebehauptung.  

Wir fabulieren uns ein ums andere Mal einen inexistenten Wertekosmos zusammen und nisten uns in ihm ein. Mein Vorschlag für das nächste Unwort des Jahres ist daher wohlbegründet. 

Die europäischen Werte stehen für semantisches Leergut, für Wertevakuum pur.  

Die sinnfreie Formulierung zeigt, dass kein Europäer selbst mehr an das glaubt, was er sagt. Sprechend sind die symbolisch-hilflosen Trauergesten nach jedem neuen «heimtückisch-feigen Anschlag». Alle wiederholen sie, niemanden überzeugen sie. Und genau deshalb werden die europäischen Werte nie zum Unwort des Jahres gekürt werden. Dabei hätten sie es wirklich verdient.

Jürgen Wertheimer ist emeritierter Professor für Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Tübingen und Träger des Prix International de Laïcité. 

Hier der Link zum Artikel der NZZ vom 22.08.2017 >>>
Wertegefasel Die «europäischen Werte» sind nichts als Worthülsen / Neue Zürcher Zeitung vom 22.08.2017

Dazu >>> 

Die Beschreibung im Artikel von Jürgen Wertheimer ist sehr treffend. Ergänzend läßt sich noch anfügen, dass die Ursachen wohl eindeutig nicht bei der gesamteuropäischen Gesellschaft liegen, also bei den Menschen die in den Staaten der EU leben, sondern vielmehr dem technokratischen Apparat zuzuordnen sind. 

Eine EU, die von Werten faselt und eben genau diese überhaupt nicht in entspr. Handlungen ummünzt. 
Horst Berndt Aug. ´17 

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Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.

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Der Einfluß der europäischen Wähler

EU Demokratiedefizit 

Claus von Wagner und Max Uthoff zeigen an einem Grundriss Europas akute Demokratiedefizite auf. Beitragslänge:8 minDatum:06.09.2016


 Max Uthoff und Claus von Wagner erklären uns 
die EU an der Tafel in knapp 8min.


 Max Uthoff (EU) erklärt Claus von Wagner (Bürger)
den Einfluss, den er hat.

Ein Kunstgebilde, für Konzerne und Banken, wo da die Werte bleiben, die möglicherweise von den Menschen in Europa verteidigt werden, können wir uns wohl leicht vorstellen. Die Werte der EU liegen zu tausenden auf dem Meeresgrund des europäischen Mittelmeeres. 


Hier der Link zum Video aus DIE ANSTALT (08.00min.) >>>
EU Demokratiedefizit / ZDF Die Anstalt / EUropa Grand Hotel vom 06.09.2016

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Zur Erinnerung - hat sich irgendetwas geändert oder gar verbessert?

Das Märchen vom sicheren Afghanistan
Georg Restle: „Eine sehr ernsthafte Frage. Vor allem für tausende afghanische Flüchtlinge, die schon in den nächsten Monaten das Land verlassen sollen. Als eine der sichersten Regionen gilt der Norden Afghanistans rund um die afghanische Stadt Masar-i-Scharif, wo auch die Bundeswehr stationiert ist. Eine Region, in die unser Autor Marc Thörner gereist ist - dorthin, wo afghanische Flüchtlinge angeblich sicher leben können - sagt die Bundesregierung. Urteilen Sie selbst!“ 
Foto aus dem MONITOR-Bericht vom 08.12.2016
Hier soll es laut Bundesregierung also sicher sein, für Flüchtlinge, für uns nicht. 

Alleine können wir uns hier nicht bewegen. Um zu recherchieren, sind wir auf schwer bewaffnete lokale Milizen angewiesen.

 Afghanische Armee und die reguläre Polizei trauen sich schon lange nicht mehr in diesen Teil des Distriktes Scholgara, etwa 30 Minuten südwestlich von Masar-i-Scharif entfernt. Hier haben die Taliban jetzt das Sagen. Die etwa 30 Milizionäre sind Söldner. Sie kämpfen für den, der sie gerade bezahlt. 

Im Moment ist das die afghanische Regierung. Das Feld markiert die Grenze, dahinter beginne Taliban-Land, sagen sie uns. Dass jemand behauptet, der Norden Afghanistans sei sicher, können diese Kämpfer nicht verstehen. 

Milizenführer (Übersetzung Monitor): „Manche Leute behaupten, dass es hier keine Taliban gäbe. Aber das ist eine Lüge. Die Taliban foltern die Bewohner hier, nehmen sie gefangen. Sie haben eigene Strukturen, Bürgermeister, Richter - sie haben einfach alles.“

Wir wollen mehr erfahren über diese angeblich friedliche Provinz Balkh im Norden. Die immer wieder genannt wird, wenn es darum geht, wohin afghanische Flüchtlinge zurückkehren könnten. Es ist bitter kalt, minus sieben Grad. 

Unsere Begleiter sind angespannt. Die Taliban könnten jederzeit zuschlagen, meinen sie. Über weite Strecken sehen wir niemanden auf der Straße. Am Rand stehen dutzende verlassene Lehmhäuser. Täglich gäbe es hier Gefechte mit den Taliban, sagt der Milizenführer. Wegen der Kämpfe seien tausende Menschen von hier geflohen. Die Lehmhäuser sind mittlerweile verfallen. Die Ruinen zu betreten sei zu gefährlich. Die Taliban hätten überall Minen gelegt, sagen uns die Kämpfer.

Milizenführer (Übersetzung Monitor): „Diese Häuser stehen leer, weil die Menschen vor dem Krieg geflohen sind. Heute ist von zehn Häusern nur noch eines bewohnt. Und das auch nur, weil diese Menschen kein Geld haben, um zu fliehen. Alle anderen sind schon weg.“

An einem Bach, wenige Kilometer weiter, treffen wir ein paar Dorfbewohner, die noch geblieben sind. Sie holen Wasser für die Familie. Auch sie berichten uns, dass es hier regelmäßig zu Überfällen und Angriffen durch die Taliban kommt.

 Dorfbewohner (Übersetzung Monitor): „Die Lage ist sehr schlecht. Die Taliban bedrohen uns. Sie verlangen Steuern und misshandeln die Bewohner. Sie demonstrieren ihre Macht. Viele unserer Dorfbewohner mussten sterben. Wir haben kein Geld. Wo sollen wir denn hin? Wir müssen hierbleiben.“

Die Fronten hier im Norden können sich jederzeit verschieben. Ein Dorf, das heute noch als sicher gilt, kann morgen Kriegsschauplatz sein. 

Wir fahren weiter in einen Vorort von Masar-i-Scharif. Dort sind wir mit dem Paschtunen Abdessalam verabredet. Vor drei Monaten ist er mit seiner Familie aus dem Distrikt geflohen, in dem wir am Tag zuvor mit den Milizen unterwegs waren. Sein Bruder war als Soldat in der afghanischen Armee im Süden Afghanistans im Einsatz und wurde von den Taliban getötet. Die Familie wurde bedroht, sowohl von den Taliban als auch von lokalen Milizen, erzählen sie uns.

Abdessalam (Übersetzung Monitor): „Die Sicherheitslage ist im Vergleich zu vorigem Jahr schlechter geworden. Früher gab es hier keine Bombenanschläge. Seit letztem Jahr gibt es immer Explosionen.“

Abdessalam schlägt sich als Tagelöhner durch. Es reicht gerade mal für das Essen der Familie, meint er. Aber sicher fühlen sie sich auch hier in der Stadt nicht mehr.

Abdessalam (Übersetzung Monitor): „Man kann nicht sagen, dass es hier sicher ist. Es gibt in der ganzen Provinz Balkh keinen einzigen Ort, der wirklich sicher ist. Alle Distrikte haben Probleme.“

Keinen sicheren Ort? Dabei galt doch Masar-i-Scharif lange als Vorzeigestadt. Seit zehn Jahren ist die Bundeswehr hier stationiert. Doch auch hier hat sich die Lage verändert. 

Am 10. November explodierte ein LKW voller Sprengstoff vor dem schwer geschützten deutschen Generalkonsulat im Zentrum der Stadt. 

Von großen Teilen des Gebäudes sind heute nur noch Trümmer übrig. Die Druckwelle hinterließ im Umkreis hunderter Meter ihre Spuren. Hillal el Din arbeitet als Kellner in einem Restaurant gegenüber dem Konsulat. Bei der Explosion trafen ihn Splitter in den Hinterkopf. Seitdem ist für ihn klar: so etwas kann jederzeit wieder passieren.

 OT Hillal el Din (Übersetzung MONITOR): "In Masar-i-Scharif lebten die Menschen früher im Frieden. Keiner hatte je geglaubt, dass solche Anschläge hier passieren können. Es ist sehr erschreckend. Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren enorm verschlechtert."

Der Polizeichef von Masar möchte vor allem über die Erfolge seiner Leute sprechen. Aber auch er räumt schließlich ein: Die Taliban sind auf dem Vormarsch. 


Sayed Kamal Sadat, Polizeichef Masar-i-Scharif (Übersetzung Monitor): „Es gibt Taliban-Bewegungen auf dem Land - sie greifen aus den Nachbarprovinzen an. Regelmäßig attackieren sie unsere Wachposten. Wir töten viele Angreifer, verletzen sie oder nehmen sie fest. Die Taliban sind in den meisten Provinzen Afghanistans aktiv. Also natürlich auch hier, in Balkh. Sie versuchen die Provinz zu destabilisieren. Wir versuchen die Taliban daran zu hindern, dass sie weiter erstarken.“

 Und es ist nicht nur der Anschlag auf das deutsche Konsulat, der zeigt, dass der Terror in die Stadt einzieht: April 2015 - die Taliban greifen ein Gericht an, elf Tote, 66 Verletzte. Januar 2016 - Angriff auf das indische Konsulat, vier Tote, sechs Verletzte. August 2016 - Selbstmordanschlag auf einem Markt, zwei Tote, 15 Verletzte. Insgesamt 27 solcher sogenannter „Sicherheitsereignisse“ gab es laut der EU-Agentur EASO in Masar-Stadt in wenigen Monaten. 

Trotzdem möchte die Bundesregierung Afghanen auch hierhin zurückschicken. Die würden dann wohl hier landen. Im Flüchtlingsviertel Hyattabad, in einem Vorort von Masar-i-Scharif. Etwa 500 Familien leben hier. Die meisten sind vor den Kämpfen auf dem Land in die Stadt geflohen. Abdelasis ist der Sprecher der rund 4.000 Binnenflüchtlinge. Die Angst sei mit ihnen vom Land in die Stadt gewandert, sagt er.

Abdelasis, Sprecher der Flüchtlinge Hyattabad (Übersetzung Monitor): „In den schwerbewachten Militärcamps ist es vielleicht sicher. Aber woanders nicht. Sobald Bewaffnete auftauchen, ist unser aller Leben in Gefahr. Die afghanische Armee und Polizei können uns nicht schützen. Jetzt höre ich, dass die Deutschen den Afghanen sagen, dass es hier sicher sei. Aber wo soll es denn hier sicher sein? Wir können jederzeit angegriffen werden. Wer wird uns dann helfen?“ 

Das Verteidigungsministerium erklärt auf Monitor-Anfrage, die Sicherheitslage in der Provinz habe sich innerhalb eines Jahres nicht verändert. Nach unserer Reise haben wir einen ganz anderen Eindruck.

Georg Restle: „Auch das Bundesinnenministerium hat uns geantwortet: „Die Bedrohungslage für Zivilisten habe sich in Afghanistan nicht wesentlich geändert.“ Vielleicht sollte Innenminister Thomas de Maizière a mal selbst wieder dorthin reisen.“


Hier Der Link zum Bericht von MONITOR vom 08.12.2016 (07.56min.) >>>
Das Märchen vom sicheren Afghanistan / ARD MONITOR vom 08.12.2016


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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Deutsches Grundgesetz. 
 


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